Als mir vor einigen Jahren eine treue Kirchgängerin sagte «Weisst Du, der Friedensgruss im Sonntagsgottesdienst ist das einzige Mal, dass mich in der Woche jemand berührt.», war ich sehr betroffen. Da wurde mir bewusst, was für eine grosse Bedeutung auch der Körper für den Glauben hat!
Wir glauben nicht nur mit dem Verstand. Glaube ist auch nicht nur ein seelisches Empfinden. Schon Paulus erinnert uns daran: «Habt ihr etwa vergessen, dass euer Körper ein Tempel der Heiligen Geistkraft ist, die in euch wohnt und den euch Gott gegeben hat?» (1.Kor 6,19)
Ich glaube, dass auch Auferstehung eine körperliche Erfahrung ist. Wie, das weiss ich nicht. Vielleicht so wie die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling: dabei vollzieht die Raupe eine sogenannte vollkommene Metamorphose. Schliesslich haben die Jünger Jesu, die nach Emmaus unterwegs waren, ihn ja auch nicht an seinem Äusseren erkannt. Jesus muss also anders ausgesehen haben. Oder wir können uns Auferstehung vielleicht so vorstellen wie einen Tropfen Wasser, der irgendwann einmal im grossen Ganzen des Meeres aufgeht. Er bleibt Wasser nur eben anders.
Eine wunderbar zärtliche Deutung habe ich bei der Theologin Dorothee Sölle gefunden. Sie schreibt in ihrem Buch «Mutanfälle»: «Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.»
Auferstehung: eine Umarmung Gottes. Diese Vorstellung gefällt mir. Nicht so eine Umarmung von der schnellen Art, sondern eine, wo ich spüre: ich bin daheim, ich bin geborgen, ich kann ganz ich selbst sein. Eine Umarmung, die mir sagt: ich liebe Dich mit allem, was Du bist und was Dich ausmacht und was zu Dir gehört. Eine Umarmung, in die ich mich ganz hineingeben kann und in der ich bereit bin aufzugehen – im anderen, im Du, im Göttlichen. Und diese Vorstellung von Auferstehung unterstreicht: Gott umarmt das Leben.
Um das zu erahnen, müssen wir nicht auf das Ende aller Suche warten. Ich denke, die treue Kirchgängerin hat den sonntäglichen Händedruck beim Friedensgruss deshalb jeweils genossen, weil diese Berührung für sie schon eine Art Vorgeschmack auf die grosse Umarmung am Ende aller Suche war. Für sie war spürbar: da gibt es noch mehr, das geht noch tiefer, noch inniger, noch ehrlicher. Ja, Gott umarmt das Leben – jedes Leben!
Text: Matthias Wenk, Foto: Eye for Ebony auf www.unsplash.com