Es ist schon längere Zeit her, dass ich mit meiner damals 11-jährigen Tochter, auf einem Glasdach ein Taubennest entdeckte.
Wir konnten von unten beobachten, wie eine Taube Äste fein säuberlich um ein Ei herum legte. Genau und akkurat, es war eine schöne Szene. Nun zückte ich mein Handy. Diese Perspektive würde einen Schnappschuss ergeben. Doch meine Tochter hielt mich davon ab. Ich würde die Integrität der Taube verletzen. Mein Kind erstaunte mich. Sie empfand das Szenario sehr intim und schützenswert. Ihre Wahrnehmung berührte mich. Viele Gedanken über Tauben und andere Lebewesen jeglicher Art und Gattung begleiten mich. Wie gehen wir um mit verschiedenen Geschöpfen? Wie begegnen wir einander, auch grad dann, wenn wir uns lästig sind.
Nun, ich möchte mir diese Frage auch ehrlich beantworten. Bei der Taube bin ich fein raus. Denn Tauben finde ich wunderschön und liebenswert.
Ihr Gang, die Glitzerfarben, das Gurren, ihre Intelligenz. Eine Taube merkt sich Gesichter, sie erkennt dich wieder. Im Schnabel hat sie Magnetkristalle, mit diesen findet sie den Heimweg wieder. Wir haben sie uns zu Nutze gemacht und aus der Felsentaube züchteten wir die Brieftaube. Heute ist die Taube in den meisten Städten zum Problem geworden. Lästig, schmutzig, unbeliebt. Die Taube als Sinnbild für so Vieles.
Einst genoss sie grosses Ansehen. Sie steht für den Frieden, für die Liebe und die Freiheit.
Sie ist das Symbol für die heilige Geistkraft und spielte bei der Taufe von Jesus eine grosse Rolle. Eine Taube brachte Noah den Ölzweig mit der frohen Botschaft: «Land in Sicht!»
Und heute nennt man sie oft «Flugratte».
Ich möchte für sie einstehen.
Ein lebendiges Wesen mitten unter uns.
Das Glasdach, mit Ei und Nest, wurde wenige Tage später entfernt.
Manchmal denke ich noch an diese Taubenfamilie. Immer im Gewahr sein, dass ich meine eigenen Ablehnungen prüfe. Wer ist mir Last und wie gehe ich mit dieser Ablehnung um. Doch wie gesagt bei der Taube bin ich fein raus. Gurr Gurr.
Text: Tanja Müller
Foto: pixabay