St. Gallen Centrum

Jahreslosung 2023: Du bist ein Gott, der mich sieht. Gen 16,13

Bild Jahreslosung  (Foto: Kathrin Bolt)
«Mama, Papa, schau doch! Hier bin ich! Schau mal. Hier!» Kinder wollen gesehen werden. Den ganzen Tag. Was immer sie tun. Was immer sie sagen. Was immer sie gerade gemacht haben: Sie brauchen jemanden, der sie sieht, möchten alles zeigen und teilen
Und wir Erwachsenen? Nun, sind wir ehrlich. Ganz so anders sieht es bei uns nicht aus. Auch wir möchten gesehen und im besten Fall gelobt werden, wenn wir etwas Feines gekocht, etwas Gutes gesagt oder geschrieben, etwas Schönes angezogen haben. Wie oft tun wir das, was wir tun, damit wir von andern gesehen werden?


Kinder, die den Eindruck haben, nicht gesehen zu werden, verhalten sich auffällig. Werden laut, manchmal schwierig.

Auch Erwachsene greifen teilweise zu merkwürdigen Methoden, um aufzufallen, ins Zentrum zu rücken, endlich gehört oder gesehen zu werden.

Wer gesehen wird, wird wahrgenommen. Ernstgenommen. Wertgeschätzt. Wer gesehen wird, bleibt nicht allein.

«Du bist ein Gott, der mich sieht».
Diese Erfahrung macht Hagar in der Wüste. Nachdem sie von Sarah, ihrer «Chefin», vertrieben worden war, weil diese eifersüchtig war auf ihre Schwangerschaft.
Hagar erlebt in einer dunklen Stunde, wie es ist, wenn jemand sieht, dass man Hilfe braucht. Dass man ein offenes Ohr braucht. Ein tröstendes, mitfühlendes Wort. Jemanden, der einen nicht nur sieht, sondern auch wahrnimmt, ernstnimmt und am Schicksal teilnimmt.

Gott sieht unser Leben. Auch dann, wenn wir nicht schreien. Auch dann, wenn wir nicht rufen wie die Kinder: «Papa, Mama, schau!». Auch dann, wenn wir schweigen. Weinen. Nicht mehr weiterwissen. Vielleicht gerade dann. So jedenfalls erlebt es Hagar in der Wüste.

Mich ermutigt die Jahreslosung, auch im Neuen Jahr unserer aufmerksamen Schöpferkraft zu vertrauen.
Und sie ermutigt mich, zu sehen, wo andere ein offenes Ohr, eine helfende Hand, einen wertschätzenden Blick brauchen.
Ich möchte sehen, wer und wie meine Nächsten sind. Ich möchte sehen, wie gut, wie schön, wie begabt, wie einzigartig der Mensch ist, der sich mir zeigen möchte.

Gebet
nirgendwo bist du mehr
als im auge des anderen
nur er kennt dein gesicht
du wirst es ne sehen
ohne das auge des anderen
spiegel deiner würde
nirgendwo bist du grösser
als im barmherzigen blick
deines nächsten
© Wilhelm Bruners

Pfrn. Kathrin Bolt