St. Gallen Centrum

Friede auf Erden?

Foto Leitartikel_KIC (Foto: Christian Kind)
In der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums singen die Engel vom Frieden auf Erden.








Das liess damals und lässt auch heute noch die Menschen hoffen. Jesu Botschaft von Gottes unverdienter Liebe für alle Menschen müsste doch eigentlich zum Frieden unter ihnen führen. Trotzdem berichtet der Evangelist später, dass diese Botschaft Streit bis mitten in die Familien gebracht hatte (Lk 12, 51-53). Für die ersten Christen war das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus, dem Herrn und Erlöser, ein radikaler Entscheid mit unter Umständen gefährlichen Folgen. Kein Wunder, dass das auch in derselben Familie nicht von allen gleich gesehen wurde.
Heute führt bei uns eine viel weniger existentielle Frage zu Spaltungen und Streit in manchen Familien und heftigen, teilweise gewalttätigen Protesten in der Gesellschaft: der persönliche Impfentscheid. Obwohl weltweit die überwältigende Mehrheit aller Sachverständigen aufgrund zahlreicher Untersuchungen zum Schluss gekommen ist, dass die Impfung zwar kein absolut perfektes, aber das bei Weitem beste Mittel ist zu einer möglichst raschen Bewältigung der Pandemie, können sich unerwartet viele Menschen in der Schweiz nicht dazu entschliessen, diesen Schritt für sich persönlich zu wagen. Die Gründe mögen sehr verschieden sein, aber sehr oft sind sie von so starken Emotionen begleitet, dass ein sachliches Gespräch nicht möglich ist. Umgekehrt zeigen Impfbefürworter oft Unverständnis und üben moralischen Druck aus, was den Widerstand noch verstärkt.
Wie können wir trotzdem Frieden wahren? Das fürs Weihnachtsfest hierzulande übliche Mittel des Umgehens und Verschweigens heikler Themen mag vielleicht Schlimmeres verhüten, ist aber auf Dauer keine Lösung. Besser wäre es, Gelegenheiten für ruhige Gespräche zu finden, bei denen man sich gegenseitig geduldig und empathisch zuhört und versucht die Motive des anderen zu verstehen. Dabei gilt es drei Wahrheiten zu beachten: die subjektive Wahrheit aus der persönlichen Lebenserfahrung, die objektive Wahrheit, an die man sich im vernünftigen Dialog über die beobachtbaren Fakten annähern kann, und die tiefe Wahrheit des Evangeliums, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist und deshalb von uns Respekt und Mitgefühl verdient.
Christian Kind