St. Gallen Centrum

Mein Traum stirbt nie

Foto Leitartikel_Klaras Traum2 (Foto: robertsrob)
"I had a dream last night, what a lovely dream it was" – dies Liedlein sang John B. Sebastian vor über 50 Jahren in Woodstock auf dem Musikfestival für Love, Peace and Freedom.

Ein lovely dream, dem alles Erinnern ein ‘feeling tomorrow‘ ist, wo die Menschen miteinander spielen und es keine Synagoge, Kirche, Moschee und Tempel mehr hat, nur die Hütte Gottes bei den Menschen. "I had a dream last night, what a lovely dream it was" – hatten Sie, liebe Freunde, auch einen Traum heute Nacht? War's ein schöner oder eher ein Alptraum? Vielleicht einen Elfmeter verschossen zu haben? Oder eine Prüfung nachzuholen? Mitunter träumt man auch vom Liebesglück und bleibt wie eingehüllt ins warme Traumtuch liegen, damit der Traum nicht wie‘s Noagerl, der Rest in der Flasche nunter schwappt ins Leibliche, wenn man aufsteht. Es gibt freilich auch Tagträume, wo wir unserm Traumkitsch, von der großen Liebe, dem Lottogewinn, von Traumhaus, Traumauto wie Traumurlaub oder vom EM-Titel im Fußball frönen. Voll Zauber, Rätsel, Bildern scheint ein Nochniedagewesenes Regie zu führen – ohne Zensur: wie kaum im Alltag lockt uns die lockere Latte im Zaun ins Freie. „Ohne Kontrolle“ sagt das Sürrealistische Manifest der 1920er Jahre. Doch was ist ein Traum? In der Antike, in Mythos wie Bibel, gelten die Träume als Offenbarungen, Orakel, Prophetien, Gesichte. Bei Sigmund Freud sind es Nachtseiten des Alltags, Spuren schon gelebten, vergessenen, verdrängten Lebens. Für Ernst Bloch aber sind es Witterungen, Ahnungen vom Kommenden, ein nochnichtgewusstes Wissen. Walter Benjamin waren sie Optionen, was ich sein könnte, Doubles meines unentfalteten Potenzials. Oder sind 'Träume nur Schäume'? Unerfüllbar? Trugbilder, eine Fata Morgana? Träumst du dein Leben oder lebst du deinen Traum, das ist die Frage. Baudelaire hat recht: die Tat ist die Schwester des Traums. Träumt Einer, ist es Illusion, träumen viele, wird’s Realität, singt John Lennon. Der 92jährige Philosoph Jürgen Habermas rät, ja mahnt daher, die großen Menschheitsträume wenigstens weiter zu erzählen, weil sie Bilder einer gerechteren, humaneren, achtsameren Welt malen. Solch ein unsterblicher Traum steht auch im letzten Buch der Bibel, der Johannes Offenbarung 21: eine neue Welt ohne Leid, Geschrei, Tränen, Schmerz und Tod. "Wie reich wurde allzeit geträumt, vom bessern Leben, das möglich wäre?", so Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung. Schätzen und schützen wir unsere Träume. Auch wenn sie nicht gleich in Erfüllung gehen. Mein Traum ernährt meine Phantasie, lockert das Vergangene, begehrt das Kommende. Mein Traum ist ein Antidepressivum, damit ich den Allerwertesten hoch krieg‘, um was Allerwertestes zu schaffen: "Alles was dir vor die Hände kommt zu tun mit deiner Kraft, das tu" sagt der Prediger Salomo. I had a dream last night, what a lovely dream it was? Tun wir es Martin Luther King gleich: I have a dream – what a lovely dream it is!
Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner, Studienleiter für Theologie und Gesellschaft, Religion, Philosophie und Recht an der Evangelischen Akademie Tutzing