St. Gallen Centrum

Aufmerksamkeit ist das natürlich Gebet der Seele

Foto Leitartikel Schnecke_WED (Foto: Deborah Weber)
Unendlich zart sind die Fühlhörner einer Schnecke. Mit ihnen tastet sie sich vorsichtig ins Freie, spürt nach der Welt. Dabei sind die empfindlichen Antennen auf das feine Zusammenspiel von Muskeln und Nerven angewiesen.
Glückt der Kontakt zwischen Leib und Welt, bekommt die Schnecke im intensiven Austausch alles, was sie braucht. Stossen die Fühlhörner hingegen auf Widerstand, so zucken sie zusammen und ziehen sich in die schützende Obhut des Leibes zurück. Mehrt sich Hartes, erlahmt das feine Spiel und die Schnecke zieht sich ganz in ihr Schneckenhaus zurück. Jedes Kind weiss das, und treibt mitunter sein grausames Spiel mit den empfindlichen Fühlhörnern. Unendlich zart wie die Fühlhörner einer Schnecke sind die Sinne eines Menschen von Anbeginn. Mit ihnen tastet sich der Mensch ins Freie und spürt nach der Welt. Auch die empfindlichen Sinne des Menschen sind auf das feine Zusammenspiel der Muskeln, Nerven angewiesen. Gelingt dem Riechen, Schmecken, Sehen, Hören und Tasten der Kontakt mit der mannigfaltigen Welt, so kommt das leibesgeistseelische Sensorium auf seine Kosten. Am Grad, wie aufgeschlossen und kreativ jemand ist, lässt sich abspüren, wie frei er sich entfalten darf. Stossen indes die Sinne auf Widerstand, zucken sie zusammen und ziehen sich in die schützende Obhut des Leibes zurück. Mehrt sich Hartes, stumpfen die Sinne ab. Am Ausmass, wie roh jemand ist, lässt sich ermessen, wie viel er auf die Hörner bekommen hat. Dummheit ist ein Wundmal. Jetzt ist wieder Sommer. Alles knallt, blüht, rauscht, singt, tanzt in voller Pracht. Ein Fest für Fühlhörner wie Sinne. Wie also halten wir es mit der geschöpflichen Empfindsamkeit? Wie zart oder wie derb achten wir auf alles Lebendige? Wie sorgsam befriedigen wir unsere Bedürfnisse? Wie reich – oder arm – ist unser Kontakt zum vielfältigen Sein? Klar, viele Schnecken und wir haben den Salat. Und doch fällt vom unendlich Zarten ein Licht auf unsere Welt: sie strotzt vor Gewalt. Doch streift uns vielfach normierte Leute im zwanglosen Spiel nicht die Idee gewaltloser Erfahrung? Zarte Fühlhörner, zarte Sinne – sie sind ein kommunikatives Modell. Ja, wir haben die Anlage zum Guten, wie den Hang zum Bösen intus. «Ein Mensch ist so empfindlich wie jeder andere auch» so Herbert Achternbusch. Sympathein – das Vermögen zu Leidenschaft und Mitgefühl, ist kostbar. Investieren wir unser lebendigstes Kapital; die Macht der Zärtlichkeit. Ihre Prophezei ist uralt: «Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben» (Ezechiel 36). Unendlich zarte Fühlhörner, unendlich zarte Sinne. Wo das Minimalprogramm des Humanen Sympathisanten findet, da pocht Gottes ‘fleischernes Herz’ schon.
Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner, Studienleiter für Theologie und Gesellschaft, Religion, Philosophie und Recht an der Evangelischen Akademie Tutzing