St. Gallen Centrum

Alles anschauen, nix anfassen?

Kiosk (Foto: Internet)
«In edicola», so die höfliche Antwort auf einen Spleen. Ich schieb schon mal 10 Euro in ein Kuvert und bestell mir in Italien eine Motorrad- oder Modezeitschrift.
Dann Grappa gestützt im Caffè drin umblättern, das lieb’ ich, das Rascheln, den analogen Charme, den textilernen Touch, auf Tuchfühlung mit’m Papier. Aber «in edicola»? Des Italienischen kaum mächtig, google ich eine Trouvaille: edicola sei doppeldeutig Kirchlein wie Kiosk. Und so kleben die zwei Oasen im Süden oft architektonisch aneinander. Was sie in aller Differenz eint? Das Kirchlein predigt die ewige Liebe Gottes, der Kiosk ist der Apostel des Augenblicks. Im Kirchlein regiert der Chronos. Im Kiosk aber spielt der Kairos, der günstige Zufall seine Sensation aus. Beschirmt vom Himmel des Kirchleins lockt uns der Kiosk ins pure Jetzt. Maintenant, endlich wieder mit Händen zugreifen statt das non toccare zu begreifen: willkommen du Kontakt! Du Kippfigur in edicola, du Rendezvous, du commercium admirabile, lat. wundersame Vermählung von Gnade und Zeit. Gott wird Mensch, erzählt die Bibel und der Kiosk zahlt die Schöpfung in kleiner Münze aus. 1001 Gazetten: what a wonderful world! Der Kiosk ist ihr Postillon. If not! Mahnte der Jazzer Louis Satchmo Armstrong. Lügt nämlich der Kiosk die arge Welt im Hochglanzmagazin schön, dann ist das Kirchlein Anwalt jenes if not! Kein Trost ohne Einspruch. Kein Veto ohne Verheissung. Keine Verheissung ohne messianische Kraft: wer heilt alles Kaputte? Es braucht nicht Dogma (fertige Wahrheit) und nicht Konsum (fertige Ware). Wir brauchen Mut und Lust zum selber machen, sich zu riskieren: play your own thing. Lesen wir wie der Schweizer Theologe Karl Barth, Bibel und Zeitung zusammen. Eine/r findet das Heil im Kirchlein, Eine/r das Glück im Kiosk. Lernen wir Heiliges profan, Profanes heilig zu lesen! Was wir oben anhimmeln, muss uns unten menschlich machen. In edicola: «Was nichts Grösseres über sich hat und noch das Kleinste in sich birgt, heilig ist’s» sagt das Kirchlein (Ignatius von Loyola) und «Was dir vor die Hände kommt es zu tun mit deiner Kraft, das tu», so der Kiosk (Prediger Salomo). Denn entsteht Transzendenz seitwärts, wie zu Pfingsten: Alle hören befeuert vom Heiligen Geist, jeden in seiner Sprache reden. Kein Monosound, sondern Polytonie.
Text: Pfr. Dr. phil. Jochen Wagner, Studienleiter für Theologie und Gesellschaft, Religion, Philosophie und Recht an der Evangelischen Akademie Tutzing