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Aus der Gemeinde

Gedanken zum Advent

Mich bedrängt die Erfahrung, dass Advent wie kein anderer Festkreis so etwas wie eine «natürliche Selektion» bewirkt. Hier sind jene drinnen, im Licht, in Freude, hineingenommen in die Wärme. Dort sind jene draussen, im Dunkeln, in Sorge, in Angst. Hart und kalt trifft sie ihr Ausgeschlossensein. Für sie brennt kein Licht. Beziehungsprobleme, Schwierigkeiten im Beruf, seelische Ängste und gesundheitliche Belastungen. In ihren schmerzlichen Erfahrungen sehen sie oft keinen Sinn.
So viele erleben diese Zeit im Schatten. Sie können sich nicht freuen und mögen keine Kerzen anzünden. Wohl auch nicht jene Menschen in der Nähe des Cellisten, der vor einigen Tagen bei unserem Hauptbahnhof das Ave Maria intonierte. Unmittelbar daneben ein scheinbar unheilbarer Alkoholiker und eine junge, verwahrloste Frau mit einem Hund. Und einige Schritte weiter ein armer, blinder Mundharmonikaspieler in der Unterführung, und im Hintergrund tönte immer noch das Ave Maria.
Für uns dürfen diese Tage nicht zu einer zwischenmenschlichen Alibiübung werden, und schon gar nicht zum «Sparheft nicht gelebter Gefühle», so dass wir jetzt in bedrängender Pflicht mit Geld und Verlegenheits-Geschenken gutzumachen versuchen, was wir das Jahr hindurch an Zeit und Zuneigung an unseren Mitmenschen versäumt haben.
Wir wissen, dass Advent und Weihnachten für viele Menschen, auch in unserer konkreten Nachbarschaft, vor allem für Ausgeschlossene, nur durch uns werden kann. Durch persönliche Briefe, Worte und Kontakte. Vielleicht sogar mit echten, gelebten Zuneigungen für die orientierungslosen Alkoholiker, die verwahrloste junge Frau und den blinden Mundharmonikaspieler.
Ein frohes Christfest wünscht Ihnen
Beat Antenen
*Beat Antenen war jahrzehntelang Redaktor und Moderator beim Fernsehen SRF, u.a. auch für kulturelle und sozial-psychologische Themen. Seit einigen Jahren wirkt er als Produzent von grossen Events im In- und Ausland, und in seiner Freizeit predigt er punktuell in der evangelisch-reformierten Landeskirche.